Die Freiheit (zu) studieren

Es gibt Bagels mit Lachs, daneben eine Schale Obst, Erfrischungsgetränke in kleinen Tetrapacks und natürlich Kaffee. Ich sitze mit zwei Studenten an einem Tisch in einer Cafeteria der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit direktem Blick auf die Auslagen des Bistros. Alle paar Minuten kaufen sich junge Frauen mit hochgesteckten Haaren oder junge Männer mit lässigen Umhängetaschen Heißgetränke. Beinahe jeder Tisch ist besetzt, immer wieder dringen Diskussionsfetzen zu Klausurterminen und Leistungsanforderungen zu mir durch. Manche schauen sich unsicher um, sind wahrscheinlich Studienanfänger.

Die beiden Studenten, die mir gegenübersitzen, ohne Kaffee, und mich mit wachen Augen anschauen, haben bereits ihr Arbeitsleben hinter sich. "Ich habe damals bewusst meinen Ausstieg aus dem Beruf geplant", erinnert sich Peter Wolfart. "Die Gefahr ist groß, im Ruhestand in ein Loch zu fallen. Also habe ich einen Plan gemacht. Denn um die persönliche Freiheit zu nutzen, muss man auch etwas dafür tun."
Und Peter Wolfart hat etwas dafür getan: Er begann ein Studium an der Universität des 3. Lebensalters.

Die Universität des 3. Lebensalters, die sogenannte U3L, ist eine Bildungseinrichtung an der Uni Frankfurt, die älteren Erwachsenen die Möglichkeit bietet, zu studieren. Es können frei wählbare Seminare und Vorlesungen besucht werden und auch das Absolvieren eines kompletten, strukturierten Studiengangs ist möglich.

Mitreden statt Abstellgleis

Wolfgang Strubel reichte auch das nicht und er entschloss sich zusätzlich noch zu einem Regelstudium an der Goethe-Universität im Fach Philosophie und Kunstgeschichte. "Die U3L war mir im ersten Jahr viel zu lasch", sagt der Mann mit der ockerfarbenen Cordhose und der dunkelgrünen Lederjacke. Seine Augen blitzen. "Ich will ja was machen und das Warten auf den Tod ist nicht meine Sache", sagt er bestimmt.
Sein Ex-Kommilitone Peter Wolfart hat seine Abschlussarbeit auf dem Tisch liegen.

Die Universität des 3. Lebensalters gibt auch ein Stück Freiheit: "Es ist die Freiheit, sich einbringen zu können, mitreden zu können, sich auszukennen und auf kein Abstellgleis stellen zu lassen."

Nicht alle Studierenden der U3L sind so ambitioniert. Manche kommen auch "nur" ein- oder zweimal zu einzelnen Veranstaltungen an die Uni. Silvia Dabo-Cruz, Leiterin der Geschäftsstelle der U3L, hat einen guten Überblick über die Studierenden: "Es sind grundsätzlich mehr Frauen als Männer, aber den Wunsch nach Vertiefung haben dann eher Männer." Insgesamt 3500 Menschen studieren an der U3L, die meisten sind etwa zwischen 60 und 80 Jahren alt. Zulassungsbeschränkungen gibt es nicht. Jeder kann an der U3L studieren. "Es gibt auch einen hohen Prozentsatz derer, die kein Abitur haben und vorher noch nie studiert haben", so Dabo-Cruz.
Die U3L gebe den älteren Menschen auch ein Stück Freiheit: "Es ist die Freiheit, sich einbringen zu können, mitreden zu können, sich auszukennen und auf kein Abstellgleis stellen zu lassen."

Separiertes Lernen

Die U3L wurde 1982 gegründet. Bis zur Bologna-Reform saßen die jungen und die alten Studierenden gemeinsam in den Hörsälen. 2005 war Schluss damit. "Mit der neuen Studienform wurde die Öffnung der Veranstaltungen für alle nicht mehr als angebracht gesehen", so Dabo-Cruz. "Am schönsten ist es ja, wenn alle zusammen lernen, aber das hat auch zur Folge, dass man dann immer der oder die Alte ist", so betrachtet Dabo-Cruz nun das separierte Lernen. "In geschlossenen U3L-Veranstaltungen kann eine 60-Jährige durchaus mal die Junge sein, weil sie 30 Jahre von dem 90-Jährigen trennen, das ist auch eine schöne Erfahrung."

Strubel schimpft über diejenigen, "bei denen kein Engagement dahinter" sei. Er rümpft die Nase. "Wissen Sie, da gibt es dann so Kandidatinnen, die kommen, weil ihre allerbeste Freundin zur U3L geht und sehen das als Unterhaltung, damit sie beim Kaffeetrinken etwas zum Reden haben."

Auch Wolfart und Strubel würden es unterstützen, wenn Regeluniversität und U3L wieder mehr Kurse gemeinsam anbieten würden. Die Dozenten sind teilweise die gleichen. Und auch die Probleme mit Kommilitonen unterscheiden sich kaum von denen der jüngeren. Die beiden beschweren sich über Besserwisser. Am schlimmsten unter den U3L-Studierenden seien die ehemaligen Lehrer, da sind sie sich einig. Und Strubel schimpft über diejenigen, "bei denen kein Engagement dahinter" sei. Er rümpft die Nase. "Wissen Sie, da gibt es dann so Kandidatinnen, die kommen, weil ihre allerbeste Freundin zur U3L geht und sehen das als Unterhaltung, damit sie beim Kaffeetrinken etwas zum Reden haben."
Seit er sich vor einigen Jahren für den strukturierten Studiengang entschieden habe, sei es besser geworden.

Die Freiheit, ja oder nein zu sagen

Wolfart und Strubel hatten die Freiheit, zu studieren, ein komplettes Studium zu absolvieren. Fünf Semester. Ihr Studiengang hieß "Freiheit zwischen Ideal und Wirklichkeit". Die Studiengänge an der U3L sind zwar geisteswissenschaftlich geprägt, aber interdisziplinär aufgebaut. Unterschiedliche Fächer fließen ein. "Es ging dabei darum, Freiheit in verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten", erinnert sich Wolfart. "Ich habe beispielsweise auch ein Seminar über Quantenphysik besucht, wo es um die Determinierung ging." Sein Fazit des Studiengangs: "Je mehr ich mich mit dem Thema Freiehit beschäftigt habe, umso fragwüdiger wurde es. Wir sind nicht per se frei. Es gibt einen Spielraum zwischen festgelegten Komponenten und unserem eigenen Lebensentwurf. Darüber können wir selbst entscheiden."

Strubel: "Eigentlich haben wir nur die Freiheit, ja oder nein zu sagen, 'Ich mache es, oder ich mache es nicht'". Wolfart wirft ein: "Das ist doch schon eine ganze Menge!"

Auch Strubel hat aus dem Studiengang zum Thema Freiheit einiges mitgenommen: "Ich bin davon ausgegangen, dass ich frei bin. Aber es ist wirklich sehr viel 'durchdeterminiert'. Eigentlich haben wir nur die Freiheit, ja oder nein zu sagen, 'Ich mache es, oder ich mache es nicht'". Wolfart wirft ein: "Das ist doch schon eine ganze Menge!"

Die beiden diskutieren eine Weile über das Thema. Sie kommen aus dem gleichen Dorf im Taunus. Zwar hatten sie keine Seminare an der Uni zusammen, kannten sich aber vom Sehen. Im örtlichen Fitnesscenter trafen sie sich zufällig und erkannten sich wieder.
Strubel holt sein Smartphone aus der Tasche. Sein Alter will er übrigens nicht verraten. "Ich bin ein Uhu", sagt er. "Unter Hundert". Er lacht herzlich.

Ich bin fast erleichtert, als Strubel sein Smartphone verflucht: "Das habe ich mir nur aufschwatzen lassen, dieses Teil! Ich brauche das gar nicht. Wie kann ich denn jetzt die Nachricht löschen, wie geht das denn?" Aber es hätte mich auch nicht überrascht, wenn die beiden besser mit ihrem Mobiltelefon zurecht kämen als ich mit meinem.
Strubel muss los. Er ist verabredet mit einem Kommilitonen zum Essen. "Einem von den jungen", sagt er und zwinkert.