Coworking - Arbeiten zwischen Flexibilität und der Sehnsucht nach Strukturen

Auf dem rostroten Steinfußboden steht ein kuscheliges, rotes Sofa neben zwei anderen Couches und einem alten Sessel. Hefte des t3n-digital-pioneers-Magazins stapeln sich auf der geschwungenen Oberfläche des futuristisch anmutenden Couchtischs. Der Eingangsbereich ist das Herzstück des Gebäudes, das früher einmal das Veterinäramt Würzburg gewesen ist. Von hier aus führen Türen zu den Büros und dem Konferenzraum.

Der Verein Coworking Würzburg e.V. hat sich vor vier Jahren hier niedergelassen. Seitdem können die Arbeitsplätze in den Büros mit den Tischplatten aus Holz und den silbernen Arbeitsleuchten gemietet werden.
Im hellen Konferenzraum findet jeden Donnerstag eine Yogastunde statt. Einige alte Fotos an den Wänden erzählen die Geschichten vergangener Zeiten, als in der Arena nebenan Schlachtvieh versteigert wurde. Heute wird nebenan höchstens mit Aktien gehandelt. Gerade sind zwei der vier Büros besetzt, im vorderen sitzen Informatiker Max und Übersetzer Mordechay, genannt Motty. Sie sitzen sich gegenüber wie Kollegen einer Firma, trinken Kaffee, tauschen Neuigkeiten aus. Beide sind Väter von Kleinkindern, beide könnten auch zu Hause arbeiten. Doch der Wunsch nach Trennung von Arbeit und Familie ist stark.

alt Foto: www.coworking-wuerzburg.de

„Für mich ist der Kontextwechsel sehr wichtig, hier kann ich mich besser konzentrieren“, erklärt Max. Sein Arbeitgeber sitzt in Oberfranken, mit dem Zug hat er einen Anfahrtsweg von eineinhalb Stunden. Deshalb kann er pro Woche zwei Tage flexibel arbeiten - Telearbeit, wie es offiziell heißt. „Wenn das nicht möglich wäre, könnte ich den Job nicht machen“, sagt er. Max trägt einen Bart, redet mit einer ruhigen Stimme: „Ich denke auch gerne in meiner Freizeit über die Arbeit nach. Das ist dann manchmal fatal, wenn ich schon sonntags Mails checke.“ Durch Coworking bleibt der Laptop zu Hause öfter mal ganz in der Tasche. Motty kommt beinahe täglich hierher, er ist für 100 Euro im Monat Vollmitglied im Coworking-Verein und freiberuflich tätig. Seit 2012 arbeitet er hier und ist damit gerade das längste Mitglied. Für ihn seien die sozialen Kontakte und die Routine sehr wichtig, sagt er. Er trägt einen roten Pullover, Jeans, ist glatt rasiert. „Wenn ich zu Hause arbeiten würde, würde ich nur Pyjamas tragen“, sagt er grinsend auf Englisch.

Individuelle Arbeit - individuelle Arbeitsorte

Christian, Vorstandsmitglied des Vereins, kennt das: „Wenn ich zu Hause arbeite, dann fange ich entweder gar nicht erst an oder höre nicht mehr auf.“ Er ist Kassenwart des Vereins. Gerade klickt er sich an seinem Mac-Book durchs Netz, telefoniert noch kurz mit der Stadt Würzburg, die das Projekt mit einem moderaten Mietpreis unterstützt. Wirtschaftsinformatik hat er studiert, er arbeitet selbständig. „Was ich genau mache, ist schwer zu erklären, weil ich so vieles mache“, sagt er, verlässt sein Büro und holt sich eine Club Mate Cola. Seine wachen Augen blitzen, wenn er vom Coworking und seinen Mitgliedern erzählt, die in den unterschiedlichsten Branchen arbeiten.

Wenn sich Arbeit individualisiert, individualisieren sich auch Arbeitsorte.

„Uns alle vereint aber der Drang nach selbstbestimmtem Arbeiten“. Dieser Drang sei in den vergangenen Jahren stärker geworden. Wenn sich Arbeit individualisiert, individualisieren sich auch Arbeitsorte. „Coworking-Räume bieten dafür einen gewissen Rahmen. Es geht darum, eine Struktur zu schaffen“, so Christian. Strukturen in einer flexiblen Arbeitswelt, in der die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben verschwimmen. Für die ältere Generation unverständlich: Seine Oma könne es nicht verstehen, dass er seinen Laptop in den Thailand-Urlaub mitnehme, um dort noch an einem Projekt zu arbeiten.

alt Der Konferenzraum. Foto: www.coworking-wuerzburg.de

Auch Motty findet, Arbeit habe sich verändert: „Als ich aufgewachsen bin, da arbeitete man nah an seinem Zuhause, kam zum Mittagessen heim und ging dann wieder auf die Arbeit. Heute sind meine Kunden weltweit verstreut.“

„Durch die Globalisierung stehen wir miteinander in Echtzeit im Wettbewerb. Und wer das ignoriert, fällt zurück.“

Deshalb erreichen ihn auch nachts Nachrichten auf dem Smartphone, das zu Hause grundsätzlich auf lautlos geschaltet ist. „Durch die Globalisierung stehen wir miteinander in Echtzeit im Wettbewerb. Und wer das ignoriert, fällt zurück.“
Max werkelt hinter der mit Halogen-Strahlern beleuchteten Küchenzeile im Eingangsbereich herum, macht Kaffee. Er habe neulich gelesen, der Stress habe zugenommen, aber die Arbeitszeit habe sich verringert. „Arbeit ist komplizierter geworden“, ist seine Erklärung dafür. „Man ist leichter überfordert.“ Max schäumt die Milch auf, lässt den Blick durch den Raum schweifen.

Sein Laptop ist sein ständiger Begleiter. Wenn er montags zur Firma pendelt, beginnt die Arbeit bereits im Zug.

Durch die Bogenfenster über den Türen, in deren Sprossen Schwarz-weiß-Fotografien hängen, fällt Licht. Er mag das Coworking-Haus in Würzburg, die ideale Lösung sei es für ihn jedoch nicht. Am liebsten würde er sich mit Kollegen seiner Firma ganz real austauschen. An Coworking-Tagen kommuniziert er per Chat mit ihnen. Sein Laptop ist sein ständiger Begleiter. Wenn er montags zur Firma pendelt, beginnt die Arbeit bereits im Zug. Das kann er sich zur Arbeitszeit anrechnen lassen. Als Kleinunternehmer sieht er sich jedoch nicht. „Ich manage mich zwar teilweise selbst, aber die finanzielle Verantwortung hat immer noch die Firma. Während meiner Promotion war ich mehr Kleinunternehmer.“ Er stockt, denkt kurz nach. Während er den Kaffee auf den Tischs stellt, sagt er: „Naja, eigentlich bin ich es ja doch irgendwie.“ Seine Flexibilität betrachtet er fast als selbstverständlich. Gerade denkt er nach, in die Nähe des Arbeitgebers zu ziehen. Aber einen Tag in der Woche arbeiten außerhalb der Firma würde er sich trotzdem gerne bewahren.