Das Ende der Wut

Nach den Schlägen ist Jürgen außer Atem, das Herz rast. Er zittert. Jedes Mal. Und es gibt viele Male. Über die Jahre hinweg. Seine Frau bleibt. „Hätt‘ se nur ‘n einziges Mal die Polizei gerufen, ich wär‘ im Knast gelandet, da bin ich mir sicher“, sagt Jürgen. Er atmet tief ein und aus und lacht bitter auf. „Mein Glück, dass sie ‘s nit getan hat, ne.“ Er ist nicht mehr jung, könnte gut als Großvater durchgehen. Wenn er lächelt, hat er Grübchen im Gesicht.

Peter* ist halb so alt wie Jürgen, er könnte Jürgens Sohn sein. Weißer Pulli, khakifarbene Hosen mit vielen Taschen, in einer davon sein Smartphone, das er ab und an in die Hand nimmt und darauf herumtippt, er trägt Sneaker. Peter kommt direkt von der Arbeit, ist etwas außer Atem. Er, Jürgen und die anderen Männer sind nicht zum ersten Mal hier. Man kennt sich mittlerweile. Die Geschichte des anderen. Die Wut. Die Gewalt. „Auch wieder hier, was?“, sagt einer zur Begrüßung. Kopfnicken. Gleich geht es los, es ist schon Routine: Stuhlkreis, reden, einmal pro Woche. Wegen der Gewalt, wegen der Wut und den Aggressionen.

Heute Abend sind sie zu fünft, einer fehlt. Einige tragen Sweater und Turnschuhe, andere Hemden und Lederschuhe. Der Jüngste ist Anfang 30, der Älteste Anfang 60. Sie hätten sich vielleicht nicht viel zu sagen, wenn sie sich auf der Straße, im Supermarkt oder in der Kneipe träfen. Sie könnten Nachbarn sein, Lehrer, Hausmeister oder Ärzte. Der Typ vom Kiosk oder der Typ auf dem Sitzplatz gegenüber in der Bahn. Gewalt ist manchmal unsichtbar.
Jürgen und Peter sitzen nebeneinander im Stuhlkreis auf rostroten Stühlen. Mit dabei sind die drei anderen Männer und Helga und Stefan, die Trainer. Helga hat blonde, halblange, lockige Haare, ist etwa Mitte Vierzig. Wenn sie spricht, redet sie nicht laut, ihre Stimme ist allerdings klar und präsent: „Beginnen wir mit unserer Eingangsrunde.“ Kollege Stefan ergänzt: „Jeder erzählt, wie es ihm in der zurückliegenden Woche ergangen ist. Wie geht's euch?“ Er schaut in die Runde, erwartungsvoll, aber nicht fordernd. Er und Helga sind im gleichen Alter, sie könnten auch ein Ehepaar sein. Sie vollenden gegenseitig ihre Sätze, lächeln sich von der Seite her an, necken sich.

Als Helga den orangefarbenen Ball wirft, schauen alle irgendwo anders hin. Wer den Ball fängt, muss reden. Keiner will anfangen. Es trifft Peter. „Meine Frau rudert“, sagt er, den kleinen Ball in den Fingern knetend. „Vielleicht wird es ja doch noch was. Ich meine, sie ist bisher noch nicht ausgezogen... und mit den Kindern… da habe ich manchmal das Gefühl, es wird wieder wie früher.“ Wie früher. Vor der Gewalt. Seiner Gewalt. „Lass sie entscheiden“, meint Helga freundlich. Jürgen meldet sich zu Wort: „Vielleicht hast du zu hohe Erwartungen. Und am Ende ist die Enttäuschung groß.“ Es klingt ein bisschen wie die Warnung eines Vaters an seinen Sohn. Schweigen. „Nee“, sagt Jürgen dann. „Ich erwarte gar nichts.“
„Aber du hast ja auch Bedürfnisse“, sagt Stefan. An die ganze Gruppe gerichtet sagt er: „Ganz oft ist es so, dass Männer ihre Bedürfnisse hinten an stellen. Und sich dann im Stillen ärgern.“ Zustimmendes Gemurmel. „Das sammelt sich dann an“, ergänzt Helga. „Er hier“ – sie deutet auf Peter – „er ist auch so ein Sammler." Gelöstes Lachen in der Gruppe. „Was könntest du für dich ändern ohne Gewalt?“, fragt sie Jürgen. Er denkt kurz nach. Die anderen überlegen mit. Abstand herstellen, den Raum verlassen, eventuell einen Freund anrufen.

In der Grupppe lernt Jürgen einen Mann kennen, der momentan
in Haft ist. "Und da wurd' mir klar", sagt Jürgen. "Das hätte ich sein können."

Der orangefarbene Ball geht weiter. Manche sagen nur ein knappes „Mir geht's gut.“ Andere beginnen stockend, kommen dann aber in Fahrt. Hier in dem geschützten Raum sprechen sie über das Thema, das manche schon seit Jahren begleitet. Freunde und Arbeitskollegen wissen davon nur selten. „Nä, nä“, sagt Jürgen ein paar Wochen später im Interview und hebt abwehrend die Hände. „Mit Arbeitskollegen würd‘ ich so was nie bespreche. In de‘ Gruppe hier, des is‘ was ganz anderes.“ Er ist seit vier Jahrzehnten trockener Alkoholiker. „Ich hab‘ mir und ‘n andern oft was vorgemacht“, sagt er nachdenklich. Er erzählt von Suchtberatungen, von Einzelgesprächen. Jürgen hatte schon viele solcher Gespräche. „Aber in de‘ Gruppe fällt auf, wenn man schwindelt, ne“, sagt er beschwingt und grinst. Dann wird er wieder ernster. „Jaja, die durchschauen dich.“ In der Gruppe lernte er auch einen Mann kennen, der das Projekt im Rahmen einer Haftstrafe besucht. „Und da wurd‘ mir klar“, sagt Jürgen und atmet tief durch. „Das hätt‘ ich sein können.“

alt Angst - ein ständiger Begleiter der Gewalt. Szene aus dem Film "Wutmann". Methode Film, ©Trollfilm AS

Auf den grauen Flyern zum Projekt ist in einem roten Kasten zu lesen: „Täterarbeit in Fällen von häuslicher Gewalt“. Und darunter: „Gewalt in Partnerschaften ist ein Kreislauf, aus dem man alleine schwer aussteigen kann.“
Heute steht ein Film auf dem Programm. Stefan hat einen Beamer besorgt, Stühle werden gerückt, Tische umgestellt. Ein Mann nimmt sich noch eine Hand voll Gummibärchen. Doch alle wissen: Kino ist das hier nicht. Der Film heißt „Wutmann“. Es ist ein norwegischer Animationsfilm. „Wir arbeiten ja immer wieder daran, die Opferperspektive einzunehmen“, sagt Helga in die Runde, „und der Film soll euch dabei helfen. Es geht darum, was das mit Kindern macht, wenn sie zu Hause Gewalt miterleben. Denn manchmal denken wir ja, dass Kinder nichts mitbekommen, aber das stimmt nicht.“ Zustimmendes Gemurmel. „Ja, die Kinder, die kriegen alles mit, alles“, sagt einer.

Stefan klickt auf „Play“ und die Bilder fangen an, sich zu bewegen. Es ist die Geschichte von Boj, dessen Vater sich in einen gewalttätigen Wutmann verwandelt. Zuvor schickt die Mutter Boj aber in sein Zimmer. Der kleine Boj versteckt sich unter der Bettdecke, hört aber das Gepolter der Schläge, das Zerbersten von Holz, die Geräusche der Gewalt. Er grübelt: Ob er Schuld daran hat, dass sein Vater so böse ist? Und ob es Mama gut geht? Am nächsten Tag bringt der Vater Geschenke mit, aber Boj will die Spielzeuge nicht und läuft davon. Draußen findet er Hilfe und kann endlich über seine Angst sprechen.
Der Film dauert etwa zwanzig Minuten. Danach ist Stille. Die Witzeleien vom Beginn des Treffens sind vergessen, Gummibärchen will auch keiner mehr. Stefan räuspert sich:„Wir machen jetzt erst einmal eine kleine Pause.Da könnt ihr euch sammeln und danach geht's weiter.“

Einer nach dem anderen erhebt sich. Die Räumlichkeiten sind hell und offen, die Treffen finden immer in diesem Neubau statt. Überall ist helles Holz, es gibt eine große Sonnenterrasse. Von Sonne ist an dem Abend nicht mehr viel zu sehen. Drei der fünf Männer gehen nach draußen. Es ist nicht mehr lange bis zum Sommer, die Luft ist mild an diesem Abend. Sie rauchen, stehen nebeneinander. Niemand spricht. Unten ist ein großer Supermarktparkplatz. Der Supermarkt schließt gerade, die letzten Kunden an diesem Tag verstauen ihre Einkäufe im Auto. Im Haus gegenüber flimmert der Fernseher, irgendwo bellt ein Hund. Peter hat wieder sein Handy herausgeholt, Jürgen ist auf der Toilette verschwunden.

„Ich wollte sowas nie“, sagt einer. Es klingt nicht verzweifelt. Es ist eine Feststellung.

Nach der Pause immer noch Schweigen. „Wir wollen genau diese Betroffenheit ja“, sagt Helga in die Runde. „Wir wollen ja, dass ihr als Väter seht, was das für Auswirkungen haben kann. Jedes Mal, wenn ihr laut werdet, schrillen die Alarmglocken bei den Kindern. Streit ist was Normales: Aber Streiten ohne Angst.“ Einer meldet sich zu Wort. „Also ich kenn' beides“, sagt er. „Ich hab' das als Kind erlebt, aber auch als Erwachsener.“ Sein Sitznachbar nickt. „Jep, ich auch.“ Pause. „Ging mir nicht gut bei dem Film“, murmelt ein anderer Mann und starrt zu Boden. „Ich wollte sowas nie“, sagt sein Sitznachbar. Es klingt nicht verzweifelt. Es ist eine Feststellung. Jürgen schüttelt den Kopf: „Wer will denn sowas freiwillig?“ Grübeln. Peter sagt nichts, schluckt nur, als Helga ihn fragt, wie es ihm geht.

In Jürgens Brief steht: „Du hattest Augen wie der Teufel, eine Fratze.“ Er hält inne, ist plötzlich alleine mit sich und der Brutalität der Worte.<

Stefan wechselt das Thema: „Kommen wir nun zu den Opferbriefen. Manche habe ich ja schon, einige fehlen noch. Jürgen, wie sieht's mit deinem aus?“ Auch bei den Opferbriefen geht es darum, mehr Empathie aufzubauen. Es sind Briefe aus der Sicht der Partnerinnen. Partnerinnen, die schreiben könnten: „Ich hatte Todesangst, als du mich gewürgt hast.“ Das steht in einem der Briefe. In Jürgens Brief steht: „Du hattest Augen wie der Teufel, eine Fratze.“ Er hält inne, ist plötzlich alleine mit sich und der Brutalität der Worte. Die Worte breiten sich aus, kriechen zu den anderen Männern, erwecken Bilder in ihren Köpfen. Jürgen schweigt nicht lange, es ist nur ein Moment, aber es ist eine Ewigkeit. Die Worte hallen nach. „Man merkt ja gar nicht, was man da zerstört“, sagt er dann. Es ist an niemand speziell gerichtet. Es scheint, als sage er das zu sich. „Man verletzt das Liebste, das man hat.“ Jürgen erzählt im späteren Interview von einer Abmachung mit seiner Partnerin: Wird er noch einmal gewalttätig, reicht sie direkt die Scheidung ein.

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Wutmann und liebenswerter Vater. Szene aus dem Film "Wutmann". Methode Film, ©Trollfilm AS

Es ist Zeit für die Abschlussrunde. Der orangene Ball geht wieder um. Jeder erzählt, wie es ihm bei dem heutigen Treffen ergangen ist. Jürgen hat sich wieder gefasst, er gibt gerne Tipps an andere, da ist er in seinem Element. Heute ist es ein Filmtipp zu einem Spielfilm über eine Frau, deren Mann sie misshandelt: „Ist bestimmt heftig, sich das anzusehen.“ Als der Ball zu einem Mann kommt, der bisher kaum etwas gesagt hat, bricht es plötzlich aus ihm heraus: „Wissen Sie, es ist nicht leicht, das alles zu erzählen… Und ich sag‘ Ihnen, da ist so oft auch Alkohol im Spiel, das ist der schlimmste Trank. Dadurch werd‘ ich so aggressiv, das ist echt... schlimm. Da muss mich nur einer auf der Straße dumm anmachen... und ich könnt‘ ihn kurz und klein schlagen.“
Beim Abschlussritual fassen sich alle an den Händen. Danach ist das Treffen beendet. Jacken werden angezogen, Stühle gerückt, ein kurzes Kopfnicken, ein Bis-nächste-Woche-Gemurmel setzt ein. Einer nach dem anderen verschwindet in die Dunkelheit hinaus.

*Namen wurden geändert.