Denkgrenzen überwinden

Es ist einer der ersten Tage des Jahres, der nach Frühling schmeckt. Bis vor einer Woche lag in diesem Teil des Saarlands noch Schnee. Jetzt wirft die Sonne schüchtern Licht in die Straßen von Türkismühle. Es ist ein Morgen Anfang März und noch nicht ganz so frühlingshaft, wie in der Wettervorhersage großspurig angekündigt.

Jerôme Laubenthal sitzt beim gemütlichen Wochenendfrühstück. Während der Woche hat Jerôme selten Zeit für ausgedehnte morgendliche Mahlzeiten, denn er ist wie viele Oberstufenschüler ziemlich beschäftigt. Zwischen Nachmittagsunterricht, Hausaufgaben und Lernen bleibt dem 19-Jährigen trotzdem noch Zeit für Hobbies wie Schwimmen, Klettern und Klavierspielen.

"Ich brauche für manche Sachen länger als andere Leute, aber es funktioniert." Er schmiert sich sein Camembert-Brötchen, erzählt nebenbei von seinen körperlichen Einschränkungen. Denn Jerôme braucht im Alltag teilweise Hilfe von anderen. Zum Gehen benutzt er einen Rollator, für längere Strecken nimmt er einen Rollstuhl. Beim Schwimmen ist er freier, benutzt vor allem die Arme dazu. "Bewegung ist wichtig, damit sich meine Sehnen nicht verkürzen", erklärt er. "Ich gehöre aber nicht zu den 'fitten Rollstuhlfahrern', die kaum auf Hilfe angewiesen sind." Seine Einschränkung ist vielschichtiger, beläuft sich auch auf eine Gleichgewichtsstörung, weshalb das mit dem selbständigen Rollstuhlfahren nicht gut funktioniert.

Vom Treppenlift und dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis

Dafür funktioniert ansonsten fast alles in seinem Leben, es scheint, ein "geht nicht", exisitiert bei Jerôme schlichtweg nicht. Für ihn ist es vielleicht schwerer, die Tür zu manchen Gesellschaftsbereichen zu öffnen, aber davon lässt er sich nicht klein kriegen. Er mag das Bild des Türöffnens, denn das ist der Punkt, der alles verändert: "Es ist wichtig, auf Leute zu stoßen, die sagen 'Kein Problem, sag' mir, was ich machen kann und ich setze es um'. Solche Leute braucht unsere Gesellschaft immer mehr."

Bei einer echten 'Inklusion' dagegen sind alle Bereiche von vornherein für alle zugänglich. Da spricht man auch gar nicht mehr von einer Behinderung."

Eine Gesellschaft, in der in den vergangenen Jahren viel über Inklusion und Integration diskutiert wurde. Für Jerôme liegen zwischen beiden Welten: "Bei der 'Integration' ist es so: Man schaut, welche Situation es gibt und reagiert dann darauf, man schaut, was man machen kann. Bei einer echten 'Inklusion' dagegen sind alle Bereiche von vornherein für alle zugänglich. Da spricht man auch gar nicht mehr von einer Behinderung."

Jerôme geht in die 12. Klasse, ist lieber mittendrin statt nur am Rand. Beim Sporttag in der Schule läuft auch er die 1000 Meter. "Es geht nicht ums Gewinnen, sondern ums Dabeisein."

Seit kurzem ist sie zur Modellschule Inklusion ernannt worden, die Integrationslehrerin sieht er eine Stunde die Woche. Im Herbst nun wird endlich eine Rampe an den Haupteingang gebaut, bisher kann er nur durch den Seiteneingang das Gebäude betreten.

Eine Extrawurst will er nicht, er hat sich auch gegen eine Schule für Körperbehinderte entschieden. Sich in Watte packen lassen, das ist nicht sein Ding. Er will mitreden, mitgestalten, ist in der Schülervertretung aktiv.

Barrierefrei ist seine Schule nicht. Seit kurzem ist sie zur Modellschule Inklusion ernannt worden, die Integrationslehrerin sieht er eine Stunde die Woche. Im Herbst nun wird endlich eine Rampe an den Haupteingang gebaut, bisher kann er nur durch den Seiteneingang das Gebäude betreten. Wenn Jerôme Biounterricht hat, muss er schon in der Pause los, damit er rechtzeitig in den Fachsälen ist, die sich im Obergeschoss befinden. Dorthin führt ein Treppenlift, der aber so langsam ist, dass er eine Viertelstunde braucht um von unten nach oben zu kommen. "Theorie und Praxis liegen oft weit auseinander", meint Jerôme.

Nicht für Therapien leben oder: Das Gegenteil von Selbstbestimmung

Er hat zwei Begleiterinnen, die sich wöchentlich abwechseln und in der Schule für ihn mitschreiben. Mit der Hand zu schreiben, das funktioniert nicht, und auch mit dem Laptop würde es im Unterricht zu lange dauern. Seine Motorik ist eingeschränkt seit seiner Geburt. Das Fachwort dafür lautet Cerebralparese, verursacht durch Sauerstoffmangel während der Geburt. "Jerôme war ein absolutes Frühchen", erinnert sich seine Mutter Sigrid. "Wir sind da so reingewachsen, am Anfang wussten wir ja gar nicht, was los ist." Es folgten Bewegungstherapien, eine schwere Operation im Alter von acht Jahren in München bei Spezialisten. "Und natürlich weiß jeder alles und es gibt ganz viele Tipps", meint Sigrid. "Aber man kann ja nicht nur dafür leben."

"Wenn ich alle Übungen machen würde, die ich 'nur fünf Minuten täglich' machen solle, dann wäre ich den ganzen Tag beschäftigt."

Jerôme hat auch sein Resümee aus jahrelanger Therapie-Erfahrung gezogen: "Wenn ich alle Übungen machen würde, die ich 'nur fünf Minuten täglich' machen solle, dann wäre ich den ganzen Tag beschäftigt." Zweimal die Woche geht er zur Ergotherapie. Dort werden die Muskeln, die permanent unter einer hohen Spannung stehen, durch Massagen entlastet. "Aber ich muss Prioritäten setzen und meine Priorität ist momentan auch, dass ich Zeit für die Schule habe."

alt Jerôme. Foto: Privat

Seine Mutter arbeitet Vollzeit, sie unterstützt ihren Sohn in seiner Selbständigkeit und weiß auch, was alle Mütter von Kindern in diesem Alter wissen: "Irgendwann wird auch er ausziehen." Sie will ebenfalls nicht, dass sich alles nur um die körperliche Einschränkung ihres Sohnes dreht. Jerôme ist froh darüber: "Ich hab' mich mit anderen Leuten mit Behinderung unterhalten, die sagen, dass ihre Eltern sie nerven mit den ganzen Tipps und Anwendungen. Da wird dann die Hilfestellung selbst zur Behinderung. Das ist das Gegenteil von Selbstbestimmung."

Jerôme möchte später gerne auch beruflich in einem sozialen Bereich tätig sein, am liebsten will er anderen Menschen helfen, ihren Alltag selbstbestimmt zu bestreiten. Kürzlich hat er sich beworben für den Jugendbeirat der "Aktion Mensch" zum Thema Inklusion. "Es gibt noch so viele Vorurteile und ich will sagen: Manches ist schwerer, manchmal muss man härter kämpfen, aber es lohnt sich. Niemals aufgeben!"

"Direkte Nachfragen sind super"

Die Berlinerin Laura Gelhaar hat alle Sprüche in einem Bullshitbingo gesammelt, die sie als Rollstuhlfahrerin schon an den Kopf geworfen bekam. Auch Jerôme wird mit Vorurteilen konfrontiert. "Niemand ist frei von Vorurteilen, auch ich nicht. Generell gibt es aber eine große Unsicherheit, nicht aus Ablehnung, sondern aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen." Es gibt auch in der Schule unschöne Situationen: Er hatte immer am Sportunterricht teilgenommen, bis der Lehrer in der elften Klasse das nicht wollte. Jerôme zog den Kürzeren und hat nun keinen Sportunterricht mehr. Inklusion sieht anders aus.

Eine Mutter einer Schülerin sagte einmal zu Jerôme, sie fände es schade, dass er in der Klasse ihrer Tochter sei, weil diese dadurch langsamer sei.

Im Rahmen eines Nachteilsausgleichs hat er mehr Zeit für Klassenarbeiten, weil er die Ergebnisse seiner Begleiterin erst diktieren muss. Wegen seiner Sehschwäche bekommt er Kopien mit einer besonders großen Schrift. Im ansteigenden Konkurrenzkampf der Oberstufe störte dieser Nachteilsausgleich eine Klassenkameradin, die das unfair fand. Und eine Mutter einer Schülerin sagte einmal zu Jerôme, sie fände es schade, dass er in der Klasse ihrer Tochter sei, weil diese dadurch langsamer sei.
Es gibt auch bewundernde Kommentare, aber am liebsten wäre es Jerôme, wenn seine Teilhabe in der Gesellschaft so selbstverständlich wäre, dass niemand mehr davon beeindruckt sein müsste.

Kinder gehen unbefangener mit Jerômes Einschränkung um: "Sie fragen direkt nach, warum ich denn so komisch laufe oder im Rollstuhl sitze. Dann sage ich es ihnen und es hat sich erledigt. Ihre Eltern ermahnen sie aber meistens 'Psst, sowas fragt man nicht!' Dabei ist es das Beste, was einem passieren kann, dass jemand direkt fragt."
Im Rahmen eines sozialen Projekts in der Region besuchen Jugendliche Menschen im Altenheim. Jerôme nahm daran teil und stattete älteren Menschen in den Herbstferien Besuche ab. So trafen die Menschen dort, von denen viele auch auf Gehhilfen angewiesen sind, einen jungen Mann, der ebenfalls mit einem Rollator unterwegs war - eine ganz neue Erfahrung für die alten Menschen: "Die haben sich so gefreut, zu sehen, dass es auch junge Menschen gibt, die ein Leben lang so eine Hilfe brauchen. Das hat ihnen viel Mut gegeben."

Unkonventionelle Ideen

Genau das spornt Jerôme an. Er wolle etwas zurückgeben, sagt er. Die Barrieren in den Köpfen einreissen. Wie zum Beispiel bei der Klassenfahrt in der sechsten Klasse nach Cuxhaven, bei der eine Wattwanderung geplant war. Der Veranstalter hatte Bedenken und Jerômes Teilnahme an der Wanderung stand auf der Kippe. Doch es stellte sich heraus, dass es Wattrollis mit ganz großen Reifen gab. So einen benutzte er dann, zwei Klassenkameraden meldeten sich freiwillig, um ihn zu begleiten und die Wattwanderung war gerettet. "Es geht vielleicht nicht immer auf konventionelle Art, aber es geht", meint Jerôme lächelnd.

"Ich muss mich auf meine Freunde verlassen können, das schweißt zusammen."

Der junge Mann mit dem dunklen Haar, der modischen Brille und den blitzenden Augen hat viele solcher Herausforderungen bisher gemeistert. Auf Hilfe anderer ist er immer angewiesen. "Das wirkt sich vielleicht aus auf die Größe meines Freundeskreises, aber nicht auf die Intensität der Freundschaften", sagt er. "Ich muss mich auf meine Freunde verlassen können, das schweißt zusammen."

Freiheit ist für ihn: "Trotz meiner Einschränkung immer das machen zu können, was ich möchte. Grenzen zu überwinden." Seine körperliche Einschränkung sei zwar ein Teil von ihm, "aber ich bin mehr als das."