Die Unfreiheit

Das sind die Geschichten von Mohammed, Michel und Kujtim (Namen geändert). Alle drei haben die Unfreiheit erlebt. Ich habe jeweils mit einem der drei darüber gesprochen, was es bedeutet, einige Monate oder Jahre im Gefängnis hinter sich zu haben. Was bedeutet Freiheit dann? Ist sie wertvoller, wenn man die Unfreiheit kennt?

"Freiheit lohnt sich"

"Freiheit ist alles; Das Wichtigste ist, sich frei zu bewegen ohne Vorschriften. Eben einfach das normale Leben. Dass ich tun kann, was ich will. Dass ich spontan entscheiden kann, wegzufahren, in den Supermarkt zu gehen, ins Kino."
Mohammed ist 35 Jahre alt. Er war bisher zweimal im Gefängnis, einmal als Jugendlicher und zuletzt vor einigen Monaten. Die letzte Haftstrafe dauerte zwei Jahre. "Ich will nie wieder in den Knast. Das ist verlorene Lebenszeit."

Für ihn ist Freiheit auch mit dem Selbstwertgefühl verbunden. "Es ist viel höher, wenn du frei bist. Wenn du im Knast bist, bist du ganz unten. Da muss man sich langsam wieder hocharbeiten." Das tut Mohammed. Sein polizeiliches Führungszeugnis ist häufig ein Problem: "Das ist schon ziemlich lang." Als sein letzter Arbeitgeber die Einträge sah, musste Mohammed gehen. Mittlerweile hat er eine neue Arbeit. Sein jetziger Chef wollte kein Führungszeugnis. "Ich will jetzt beweisen, was ich kann", sagt er.

"Ja, das ist auch Freiheit: Dass man sich seine Umgebung aussuchen kann. In der Unfreiheit ist man ausgeliefert."

Die Festnahme damals sei ein "scheiß Gefühl" gewesen. "Meine Welt ist zusammengefallen. Und auch die meiner Freundin." Raub, Körperverletzung, Nötigung - Mohammed zählt die Gründe für die Haftstrafen auf. Die Jugendstrafanstalt damals sei "sanft" gewesen. Bei seiner letzten Haft dagegen habe er sich permanent unwohl gefühlt. "Kriminell ist nicht gleich kriminiell", sagt er und verweist auf seine Mithäftlinge. "Ich will nicht sagen, dass das alles Asoziale waren, aber eben doch Menschen, mit denen man nicht viel zu tun haben will." Er denkt kurz nach. "Ja, das ist auch Freiheit: Dass man sich seine Umgebung aussuchen kann. In der Unfreiheit ist man ausgeliefert."

Die Mithäftlinge hätten auch schlimme Geschichten von der anstehenden Drogentherapie erzählt: "Knackies untereinander, da will jeder der Harte sein. Es hieß, die Therapie geht an die Substanz, man müsse sein Leben offen legen. Da würde niemand sagen: 'Die Therapie war super, sie hat mir die Augen geöffnet.'" Doch so habe es sich für ihn angefühlt: "Klar, legt man sein Leben offen, aber doch nur, um Ursachen zu finden. Das hat mir sehr geholfen. Ich habe eine Einsicht in mir gefunden, mir selbst kritische Fragen gestellt."

Mohammed findet, viele Menschen schätzten ihre Freiheit nicht. "Manchmal würde ich gerne so 'ne Probe abgeben von der Unfreiheit." Im Gefängnis habe er viel gelesen: "Man kann da Anträge stellen für Bücher, DVDs. Ich hab alles gelesen, was real ist. Bücher über Biologie, Erdkunde, aber auch spirituelle Sachen, über Yoga. Man hat ja viel Zeit, nachzudenken."

Die Besuche seiner Freundin seien ein großer Lichtblick für ihn gewesen: "Da hab ich schon morgens vorm Spiegel gestanden und gedacht: 'Yeah, heute seh ich mein Baby'. Wir waren nur am Quatschen, wenn sie kam. Aber da gab es zwischenzeitlich schon immer Momente, wo ich dachte: 'Jetzt geht sie gleich wieder heim und ich bleib hier in diesem Trott'."

Seit seiner Zeit im Gefängnis macht Mohammed viel Sport, mittlerweile geht er regelmäßig laufen: "Das hat es mir echt angetan. Ich lauf' und lauf' und denke nach und hör' Musik. Vielleicht lauf' ich bald einen Halbmarathon." Vorher sei er nie joggen gegangen. "Aber wenn ich dann auf meine Laufzeit schaue, dann kann ich mich richtig freuen." Er pausiert kurz. "Früher hab' ich das nie so gefühlt. Wenn ich viel Geld gemacht hab' oder so, dann hat mir das nie so viel Befriedigung gegeben."

alt Unfreiheit - das Gegenteil von Freiheit? Wie lebt es sich mehrere Monate oder Jahre hinter Schloss und Riegel?

"Die Uhr geht langsamer"

"Die Unfreiheit, ja..." Michel pausiert, bevor er weiter spricht. "Dass andere diktieren, was du zu tun hast, dass du nicht selbstbestimmt bist, das ist die Unfreiheit." Er erinnert sich ganz konkret: "Das Allerschlimmste war die Zelle. Ein geschlossener, kleiner Raum, morgens um 6 Uhr die Lebendkontrolle... Ich habe noch nie ein so langweiliges Fernsehprogramm gesehen. Sendungen, die ich zu Hause angeschaut hätte, waren mir dort egal."

Die Haftkleidung: "Jogginghosen aus Sweatstoff, einen Pulli, Feinrippunterwäsche, schwarze Schuhe."

Michel verbrachte sechs Monate im Gefängnis. Fünf Wochen davon war er in Einzelhaft, die Monate danach ging er ganz regulär zu seiner Arbeitsstelle, verbrachte die Nächte und die Wochenenden im Gefängnis. Am 2. Januar 2013 trat er seine Haftstrafe an. Er erinnert sich gut an den Tag: "Ich ging selbst hin, das war natürlich kein gutes Gefühl. Das Schlimmste war dann letztlich, als die Zellentür geschlossen wurde."
Er beschreibt die Haftkleidung: "Jogginghosen aus Sweatstoff, einen Pulli, Feinrippunterwäsche, schwarze Schuhe." Er sieht sich als Einzelgänger: "Ich hab mich da nicht so eingefunden in die Gruppierungen. Man sieht die Leute ja auch in den Pausen und dann später auch in der Wohngruppe. Da fragt man schon 'Warum bist du da?'. Und naja, da war auch viel mit Drogen und so..."

Die Kommunikation mit den Justizvollzugsbeamten fasst er zusammen mit den Worten: "Da sieht man, was passiert, wenn Menschen andere Menschen lenken." Er lacht ein bisschen. "Naja, meist waren es die Älteren, die zugänglicher waren, die haben die Leute auch wie Menschen behandelt. Aber da gab es auch schon welche so um die 30, die machten dann eher den Eindruck: 'So, jetzt hab' ich dich!'. Da geht es schon um Macht."

"Plötzlich ist gezielter Genuss wichtiger. Ich bin mit meiner Partnerin dann nicht ins Kino gegangen oder so, da verstreicht die Zeit so schnell. Wir waren eher in der Natur."

Auch wenn die Zeit langsam verging, sie verstrich irgendwie: "Die Arbeit war eine leichte Freiheit. Die Uhr ging trotzdem langsamer. Ich habe Tagebuch geführt, meiner Partnerin Briefe geschrieben." Michel ist 51. Er spricht reflektiert über seine Freiheitstrafe aufgrund von Verkehrsdelikten: "Ich bin kein Verfechter von 'ab in die Kiste', davon, Menschen, ihre Freiheit zu nehmen, aber im Grunde bin ich mit einem blauen Auge davon gekommen. Sie hatten ja recht."

An einzelnen Tagen hatte Michel "Ausgang" von 9 bis 18 Uhr. Die Zeit habe er sinnvoll genutzt: "Plötzlich ist gezielter Genuss wichtiger. Ich bin mit meiner Partnerin dann nicht ins Kino gegangen oder so, da verstreicht die Zeit so schnell. Wir waren eher in der Natur."

Der Tag der Entlassung sei wie ein zweiter Geburtstag gewesen, erinnert sich Michel: "Ich wurde als Mensch wiederbelebt. Ja, Freiheit ist kostbar. Steh' auf, guck' raus, das normale Leben, das ist Freiheit."

"Pizza machen war was ganz Großes"

"Was Freiheit ist, das ist schwer in Worte auszudrücken." Kujtim überlegt, trinkt einen Schluck Wasser. "Also da drin ist keine Freiheit. Wenn du an den Kühlschrank gehen kannst morgens, das ist Freiheit. Man sollte dankbar sein, dass man zu Hause ist."

'Da drin', die Unfreiheit, hat Kujtim kennengelernt. Ein Jahr und acht Monate verbrachte er im Gefängnis, das erste halbe Jahr in Einzelhaft. Das bedeutet: 23 Stunden in der Zelle, eine Stunde Hofgang, kein Fernseher. "Das war katastrophal", erinnert sich Kujtim. "Ich hab versucht, die Zeit zu überbrücken. Manchmal hab' ich einfach nur im Bett gelegen. Ich hab' mir oft vier- bis fünfmal am Tag die Zähne geputzt, damit ich was zu tun hatte."

Kujtim ist 19 Jahre alt. Er habe während seiner Haftstrafe guten Kontakt zu seinen Eltern gehabt, die ihn auch besuchten und Briefe schrieben: "Ich erinnere mich noch an den ersten Brief meiner Mama. Da war ich natürlich schon traurig."
Bei den Besuchen gab es eine Trennscheibe zwischen ihm und seinen Eltern. "Man konnte sich aber schon irgendwie mal berühren", sagt er.

Bandendiebstahl, Spielsucht, er ist kein unbeschriebenes Blatt. Stolz ist er darauf nicht. "Trotzdem, ich will nichts rückgängig machen. Ich bereue meine Taten. Ich hab' daraus gelernt."

Zeitgleich mit ihm war auch sein Bruder in Haft. Die ersten acht Monate sahen sich die Brüder nicht: "Tätertrennung." Kujtims Bruder ist momentan immer noch im Gefängnis, Kujtim besucht ihn regelmäßig. "Am Anfang war es schon komisch, meinen Bruder zu sehen. Ich weiß, was er durchmacht." Auch bei Kujtims Entlassung habe er seinen Bruder kurz am Fenster gesehen: "Das war auch komisch."

Kujtim erzählt über die U-Haft, die Haftrichterin, dass er die Aussage erst verweigert habe. Bandendiebstahl, Spielsucht, er ist kein unbeschriebenes Blatt. Stolz ist er darauf nicht. "Trotzdem, ich will nichts rückgängig machen. Ich bereue meine Taten. Ich hab' daraus gelernt."

Nach sechs Monaten arbeitete Kujtim im Gefängnis. Sein Job als Hausarbeiter: "Das Haus sauber halten. Das war gut für mich. Die Zelle war dann offen, bis 16 Uhr arbeitete ich. Wenn man nicht arbeitet, geht man kaputt. Man kann sich da nicht beschäftigen." Mit den anderen Inhaftierten habe er sich gut verstanden: "Da gab es auch viele Gemeinsamkeiten. Wir haben uns manchmal auch mit den Zellenkollegen am Fenster unterhalten."

Seinen 18. Geburtstag verbrachte er im Gefängnis. In der Wohngruppe, in die er nach der Einzelhaft kam, machten er und die anderen Häftling gemeinsam Pizza: "Das ist da was ganz Großes dort." Ansonsten sei es ein Tag wie jeder andere gewesen: "War dann halt so, ich dachte mir 'Jetzt bin ich 18 und gut ist'."