Freies Denken

"Finde deine Berufung und bedenke: Freiheit stirbt mit Sicherheit", "Denke deine Räume neu", "Vertrau einem Kind", "Bitte einen alten Menschen um eine Geschichte", "Urteile nicht, sondern suche". An der Wand neben der Tür zum "Klassenzimmer" hängen diese Sätze und andere unter dem Titel "Ideen fürs Leben". Ich bin an einem Ort, an dem es neben anderen Dingen vor allem eines gehen soll: Gute Ideen und Raum, um über das Leben nachzudenken.

alt Philosophie findet sich an vielen Ecken in der modern life school wieder. Foto: Bohle

Die Atmosphäre könnte gemütlicher kaum sein; angenehme Beleuchtung, dunkelbrauner Fußboden, in der Einrichtung finden sich viele Holzelemente wieder, es gibt Häppchen, Brot, Suppe, Wein und Tee. Und vor allem gibt es Bücher. An den Wänden in Regalen und Auslagen sind sie drapiert und scheinen nur darauf zu warten, gelesen zu werden. Ihre Titel lauten etwa: "Die Kunst, anders zu leben.", "Die Kultur der Reparatur" oder "Was mein Leben reicher macht". Ich bin in der modern life school in Hamburg, die ihre Räumlichkeiten unweit des Gänsemarkts und Jungfernstiegs hat.

"Eine moderne Schule für ein besseres Leben mit guten Ideen für den Alltag", so beschreiben die Gründerinnen die Schule auf ihrer Website. In der Beschreibung stehen auch Worte wie "Ideenwerkstatt", "Das Café der Fragen" oder "Eine Apotheke für den Geist". Gegründet wurde die Modern Life School 2011 von Gaby Bohle und Pia Schaf.

Für Pia Schaf ist die Zielgruppe "jeder, der Lust hat, zu denken". Problem dabei: Um die mls wirklich für jeden zugänglich zu machen, muss sie möglichst vielen Geldbeuteln gerecht werden.

Letztere wuselt vor dem Seminar an diesem Abend noch herum, pendelt zwischen Empfangstisch und Theke hin und her, bereitet Tee zu, begrüßt die Gäste, macht Haken auf der Anmeldeliste. An zwei großen Tischen sitzen die Teilnehmer, die meisten trinken Wein, es sind mehr Frauen als Männer an diesem Abend. Der Altersschnitt liegt schätzungsweise zwischen 30 und 60. Für Pia Schaf ist die Zielgruppe "jeder, der Lust hat, zu denken". Problem dabei: Um die mls wirklich für jeden zugänglich zu machen, muss sie möglichst vielen Geldbeuteln gerecht werden. Sie ist ein Wirtschaftsunternehmen, privat finanziert. Es gibt Lesungen unter 20 Euro, Kurse zwischen 25 und 50 Euro sowie komplette Wochenendangebote.

alt In den Räumlichkeiten der modern life school werden auch Bücher verkauft zu Themen, die sich im Konzept der Schule wiederfinden. Foto: Bohle

Die Freundinnen Claudia und Sigrid schauen sich gerade das Bücherangebot an. Claudia ist zum ersten Mal in der mls, Sigrid hat ihr den heutigen Kurs geschenkt. Sie war schon einmal hier, war ziemlich begeistert. "Ich habe aber keine Hintergrundbildung im Bereich Philosophie", sagt sie. "Ich gehe da ganz unbedarft ran." Ihre einzige Befürchtung: "Dass hier auch ein Raum für Selbstdarsteller sein könnte, das würde nerven."

Ein Grundgedanke der Gründerinnen: "Es soll keine Vorbildung nötig sein", so Schaf. "Die Leute sollen Inspiration bekommen, angeregt werden, selbst zu denken, neugierig zu sein wie ein Kind." Das würde in der herkömmlichen Schule allzu schnell abtrainiert. Es gebe kaum mehr noch Orte, an denen sich Menschen bewusst auf etwas einließen. "Aber es gibt immer mehr Menschen, die solche Orte suchen", fügt Schaf hinzu.

Die Kurse und Veranstaltungen haben Titel wie: "Wie lebe ich ein gutes Leben?", "Regisseur im eigenen Leben" oder "Was tue ich hier eigentlich?".

Das Klassenzimmer der mls ist auch ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann. Zitate an einer Wand, die Möbel sind aus Paletten gebaut, jeder hat ein Klemmbrett auf seinem Platz mit einem Block für Notizen. An einer Wand im Regal finden sich Reclam-Hefte. Das Glas Wein darf in den Raum mitgebracht werden. Vorne steht der Dozent, es gibt eine große Leinwand für Präsentationen, aber auch Interaktion spiele eine große Rolle, so Schaf: "Wir möchten die Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Hier soll ein Raum zum Denken sein."

Die liebevolle Einrichtung stammt von Gaby Bohle, gelernte Fotografin. Sie ist für Konzepte und Design zuständig. Sie arbeitet immer noch als Fotografin, hat ein kleines Atelier im Nebenraum. Die beiden Frauen leiteten bis vor wenigen Jahren eine Werbeagentur: "Wir setzten damals sehr auf Nachhaltigkeit, wollten sinnvolle Werbung machen, aber irgendwann steigt dann der Frust, weil natürlich letztendlich nur der Profit zählt."

alt Die Gründerinnen der modern life school: Pia Schaf und Gaby Bohle (von links). Foto: Bohle

Inspiriert wurden die beiden von dem Konzept der School of Life in London. Die angedachte Kooperation kam dann aber nicht zustande, deshalb gründeten Schaf und Bohle ihre eigene Schule mit eigenem Konzept: "Das hier soll so eine Art von Lebensschule sein. Hier soll gelehrt werden, was man in der Schule nicht lernt."
Bohle ist wichtig, dass "nicht doziert wird wie an der Uni". Im Grunde könne jeder Schoolmaster werden, der Ideen fürs Leben habe: "Philosophen, aber auch Sänger, Weltenbummler, Lebenskünstler. Es soll für jeden etwas dabei sein, vor allem soll es auch verständlich sein."

Die Kurse und Veranstaltungen haben Titel wie: "Wie lebe ich ein gutes Leben?", "Regisseur im eigenen Leben" oder "Was tue ich hier eigentlich?". Dass sich die mls finanziell trägt, ist nicht einfach: "Mit den Kursen alleine können wir uns nicht finanzieren", so Bohle. Die Räumlichkeiten können Interessierte nun auch für Feste oder Workshops mieten, die Bücher im Café können gekauft werden. "Wir wollen auch in Unternehmen gehen und Mitarbeiter schulen", führt Bohle noch an.

Über Hamburgs Grenzen bekannt ist die mls zwar schon - sie ist die einzige Einrichtung dieser Art im deutschsprachigen Raum - aber das heißt nicht, dass die Kurse und Veranstaltungen immer gut besucht sind. "Wir aus der Werbebranche würden ja eine große Werbeoffensive starten, aber dazu fehlt das Geld", so Schaf. Sie planen nun eine Deutschlandtour für 2015, bei der sie mit einem Bus in verschiedenen Städten Station machen um auf ihr Konzept aufmerksam zu machen.

Es gibt in der Tat noch viele Hürden und immer wieder neue Baustellen, auf die die beiden Unternehmerinnen stoßen. Aber das, was sie tagtäglich machen, macht sie glücklich. "Es macht Sinn, das ist sehr schön", so Bohle. Mittlerweile ist es kurz nach 23 Uhr, der Kurs ist zu Ende, Bohle sitzt noch am Rechner. "Ich werde hier noch eine Weile machen", sagt sie. Schaf räumt die letzten Gläser weg. Am nächsten Tag wird sie sie wieder füllen: Für neue Gäste und für neue Ideen.