Mund auf!

Ich bin sprachlos. Seit Tagen ringe ich mit mir um die richtigen Worte zu finden, aber es gibt sie nicht. Nichts ist „richtig“ an dem, was gerade in Deutschland und Europa passiert. Und das Schlimmste ist: Ich fühle mich hilflos. Aber das bin ich nicht. Das sind wir alle nicht.

Als ich vor fast einem Jahr diesen Blog zum Thema Freiheit begann, da war Freiheit ein schöner Begriff. Ich hielt es für absolut gegeben, in einem Land zu leben, in dem es Freiheit gibt. Und ich wollte Geschichten erzählen über diese Freiheit. Es waren abwechslungsreiche Themen, meist unterhaltsam und irgendwie locker. Nichts tagesaktuelles, zeitlose Texte. Dann kam Pegida im November 2014, dann im Januar 2015 das Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Frankreich. Da konnte ich nicht ruhig bleiben. Am 8. Januar 2015 schrieb ich: „Ich kann nicht einen Blog führen, der reportagen-freiheit heißt, und zu so etwas schweigen.“

Und nun brennen Flüchtlingsheime. Nicht erst seit gestern. Und doch habe ich das dumpfe Gefühl, dass gerade in diesen Tagen und Wochen etwas Entscheidendes passiert. Es ist eine seltsame Stimmung entstanden, in der Meinungen akzeptiert werden, die es vor einem Jahr sicher auch schon gab, die aber damals niemand gewagt hätte, auszusprechen. Die Hemmschwelle ist gesunken. Die Stimmen der Nazis (nein, es sind keine „Asylkritiker“!) sind lauter geworden. Andere dagegen sind verstummt: Ein Bürgermeister ist wegen Bedrohungen von Nazis zurückgetreten. Der Blogger Heinrich Schmitz bloggt aus dem gleichen Grund nicht mehr. Das sind zwar persönliche Entscheidungen und als solche müssen sie respektiert werden, aber sie sagen etwas aus über das Klima in unserer Gesellschaft momentan.

Raus aus der Bequemlichkeit

Und was bleibt übrig? Die Mehrheit der Bevölkerung, die eben keine Nazis sind und Flüchtlinge willkommen heißen. Davon bin ich überzeugt. Aber reicht das?
„Mund aufmachen, Haltung zeigen!“ Das forderte die Journalistin Anja Reschke in einem Kommentar, der meine Facebook-Timeline überflutete, weil ihn so viele Leute teilten. Und sogar Joko und Klaas haben sich zu Wort gemeldet mit einem ebenso deutlichen Video unter #mundaufmachen. Und genau darum geht es! Mund aufmachen.

Was hilft gegen Rassismus? Mund aufmachen. Das muss ja nicht in meiner Facebook-Timeline sein. Das muss ja nicht auf Youtube sein. Das kann an der Supermarktkasse sein. Ohne zehntausende Likes. Es kann auf der Geburtstagsparty sein, wo vielleicht doch einer der Gäste einen dummen Spruch macht. Wo sich eine als „Asylkritikerin“ sieht. Klar, mit solchen Leuten zu diskutieren ist anstrengend. Und die Meinungen sind festgefahren. Aber darum geht es nicht! Es geht ums Mundaufmachen. Darum, Grenzen zu setzen.

Wir sind bequem. Wir blättern durch die Zeitungen, klicken uns durchs Netz und lesen von brennenden Flüchtlingsunterkünften, von Hass und Gewalt und gehen dann zum Sport, fangen an zu kochen oder treffen uns mit dem Kumpel auf ein Bier. Wer will nach Feierabend noch über Nazis reden? Versaut nur die Stimmung. Diese Bequemlichkeit ist ein guter Nährboden für Rassismus. Denn von diesem Schweigen lebt er.

Deshalb finde ich es großartig, dass es Menschen gibt, die dazu aufrufen, den Mund aufzumachen. Es braucht keine großen Reden. Es braucht Rückgrad. Und das haben wir alle, wir müssen es nur stärken. Und erkennen, wie viel mehr wert es sein kann, mal auf die Bequemlichkeit zu verzichten.

Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich zur Flüchtlingsunterkunft in meiner Stadt gegangen um dort zu helfen. Ich habe gesehen, wie schwer die Koordination war: Wo wird Hilfe gebraucht? Wer macht was? Ich habe bewusst nicht darüber geschrieben in diesem Blog, weil ich nicht als Journalistin kommen wollte, sondern als Louisa. Als Mensch. Und deshalb findet sich hier kein einziges Porträt von einem Flüchtling. Ich finde solche Porträts prinzipiell aber sehr gut, weil sie der persönlichen Situation und den persönlichen Gefühlen der Flüchtenden Gehör verschaffen, aus Zahlen Menschen machen. Eine der größten Chancen des Journalismus. Doch das ist der Knackpunkt: Es sind persönliche Geschichten. Und die Begegnung mit Flüchtlingen basiert auf Vertrauen. Wir in unserer Gruppe sind immer noch dabei, dieses Vertrauen aufzubauen. Und dieses Vertrauen möchte ich nicht für journalistische Zwecke nutzen.

Aber wenn ich von Leuten lese, die vor Flüchtlingsheimen herumpöbeln, die sich nicht davor scheuen, zuzuschlagen, die im Netz widerliche Kommentare hinterlassen, dann denke ich an die Flüchtlinge, mit denen wir uns regelmäßig treffen. Wir machen Sport, zwei der Syrer sind Volleyballprofis. Ich bin nicht gut darin, aber es macht trotzdem Spaß. Dabei sind auch einige Afghanen, die uns immer grinsend mit Handschlag begrüßen. Ich habe eine junge syrische Familie kennengelernt, der Vater ist Schneider, spezialisiert auf Hochzeitskleider. Jetzt bringt er gerade seiner Frau Fahrradfahren bei. Da ist der alte Mann, ein syrischer Koch, der auch mal im Flüchtlingsheim den Kochlöffel schwingt und uns augenzwinkert zum Essen einlädt. Da ist der junge Eritreer, der bei seinen Deutschhausaufgaben Hilfe braucht und dem ich neulich versucht habe, den Unterschied zwischen Brot und Brötchen zu erklären. Gar nicht so einfach.

Es ist naiv, aber manchmal denke ich: Warum können wir nicht einfach alle zusammen Volleyball spielen?

Ich weiß nicht viel über diese Menschen, manchmal reden wir mehr, manchmal weniger. Aber es ist auch nicht wichtig, ihre genaue Geschichte zu kennen. Es geht um den Moment Unbeschwertheit im Park. Es geht um ein gemeinsames Lachen, einen schönen Nachmittag. Mehr nicht. Es steht mir nicht zu, über sie zu urteilen. Und es macht mich sprachlos, dass Personen, die diese Menschen noch nie gesehen haben, einen blanken Hass auf sie in sich tragen. Es ist naiv, aber manchmal denke ich: Warum können wir nicht einfach alle zusammen Volleyball spielen?

Es könnte so einfach sein. Aber es ist verdammt kompliziert. Auch, weil Rassismus von der Einfachheit lebt, von den Pauschalisierungen. Einer Volksgruppe gewisse Eigenschaften zu unterstellen, das ist nicht nur dämlich, das ist absolut idiotisch. Überall gibt es Idioten, ja, auch unter Flüchtlingen. Flüchtlinge sind keine Heiligen, die man niemals kritisieren darf. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir alle Menschen sind.

Das Böse zu entmenschlichen macht es erträglicher. Aber wir müssen erkennen: Rassismus ist menschengemacht.

Manche sehen das nicht so und bezeichnen Nazis als Schweine, sagen, das seien keine Menschen und bedienen sich klassischer Feindbilder. Auch hier greift wieder eine Pauschalisierung. In dem Moment, in dem das Böse entmenschlicht wird, wird es erträglicher. Aber wir müssen erkennen: Rassismus ist menschengemacht. Und wir sitzen alle in einem Boot. Wir sind Menschen und leben auf dem gleichen Planeten. Vielleicht in unterschiedlichen Welten, aber auf dem gleichen Planeten. Und es ist gefährlich, Nazis als primitives Pack zu bezeichnen und auf Leute aus Ostdeutschland mit Rechtschreibfehlern und Glatze zu reduzieren. Das wird der Komplexität des Rechtsextremismus nicht gerecht. Wer auf Nazis herabschaut, verharmlost das Problem, macht es klein. Nazis auslachen ist zwar vielleicht kurzfristig eine Lösung, langfristig aber nicht. Nazis kleinzureden verharmlost den Rechtsextremismus. Es ist wichtig und notwendig, Rassismus und Menschenfeindlichkeit nicht abzutun, sondern ernst zu nehmen.

Worte prägen unser Handeln. David Hugendick schimpft zurecht auf das Wort „Asylkritiker“. Und Alice Bota hat einen bemerkenswerten Blick auf unsere Sprache geworfen und fragt: „Wann hat man aufgehört, sich zu wundern, wenn in den Nachrichten von ‚Flüchtlingsströmen‘ und ‚Flüchtlingswellen‘ die Rede ist?“ Ja, wir müssen vorsichtig sein mit dem, was wir sagen. Denn unsere Gedanken werden zu Worten und unsere Worte zu Taten. Und je differenzierter wir die Worte für so komplexe Zusammenhänge wählen, desto eher vermeiden wir gefährliche Pauschalisierungen.

Es ist menschenverachtend, eingepfercht in einem LKW zu sterben. Ich will nicht in einem Europa leben, in dem so etwas passiert.

Während ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich die Nachricht von bis zu 50 toten Menschen in Österreich. In einem LKW. Wer daran schuld ist, scheint allen schnell klar zu sein: Die verbrecherischen Schlepper, die bekämpft werden müssen.
Und dann ist sie wieder da, die Fassungslosigkeit. Wie kann es sein, dass an einem Augusttag mitten in Europa 50 Menschen an einem Autobahnstreifen in einem Lastwagen tot gefunden werden? Was ist passiert? Während sich nun die Politiker auf die Schlepperbanden konzentrieren, denke ich an die Verstorbenen. Diese Menschen haben Familien, Freunde. Wie wir alle. Es ist menschenverachtend, eingepfercht in einem LKW zu sterben. Ich will nicht in einem Europa leben, in dem so etwas passiert.

Wer Recht auf Asyl hat, ist in Deutschland klar geregelt. Ich finde eine sachliche Debatte über den Anspruch auf Asyl wichtig. Dabei darf das Menschsein aber nicht zu kurz kommen. Es geht darum, anderen Menschen die Hand zu reichen, kleine Dinge zu tun. Erst einmal. Wer dann immer noch Energie hat, kann sich natürlich dem großen Ganzen widmen. Aber im Alltag muss nicht immer das große Ganze bedacht werden. Die Welt im Kleinen zu verändern reicht vollkommen aus.

Das funktioniert im Übrigen auch am Kaffeetisch mit der Verwandtschaft. Denn natürlich wollen wir keine Nazis kennen, aber dieser unterschwellige Rassismus, der schleicht sich überall ein. Und er ist einer der größten Gefahren. Was wir dagegen tun können? Mund aufmachen. Auch bei dem unbedachten Kommentar des Onkels, der verkrusteten Haltung der Oma, Mund auf. Es geht nicht darum, die Meinung der anderen zu ändern, sondern selbst für seine eigenen Überzeugungen einzustehen. Denn unsere Gedanken, unsere Meinungen, das ist das, was wir in der Hand haben. Und das ist eine Menge. Ich bin der Meinung, dass Mitgefühl und Menschlichkeit die Tugenden sind, die am stärksten wiegen.

Es geht nicht darum, ein schlechtes Gewissen zu haben angesichts unseres Wohlstands, unserer Chancen, unseres schönen Lebens, in dessen stressigem Alltag wir uns allzu oft zu verlieren drohen. Es geht um ein kurzes Innehalten, um Dankbarkeit für das eigene Leben und das Erkennen unserer Privilegien, die wir haben: Gehört zu werden. Denn wir haben eine Stimme. Und nicht nur alle vier Jahre bei der Bundestagswahl, sondern jeden Tag haben wir die Chance, den Mund aufzumachen. Also: Mund auf!