Über die journalistische Freiheit

Wie frei und unabhängig kann ein Journalist sein? Wo ist die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus? Und welche Rolle spielt dabei das Internet? Um diesen Fragen nachzugehen, treffe ich mich mit Daniel Bröckerhoff. Er ist freier Journalist und arbeitet in Hamburg für das NDR-Medienmagazin ZAPP und als On-Air-Reporter für die Einsplus Talkreportage-Sendung Klub Konkret.

alt Copyright Daniel Bröckerhoff, Fotograf: Daryl William Collins

"Ich glaube nicht an die journalistische Unabhängigkeit", sagt Bröckerhoff. Wir sitzen in einem Café in Hamburg-Altona bei Kaffee und Club Mate. "Ein Journalist ist immer abhängig vom Rezipienten, vom Publikum. Und er ist auch monetär abhängig."

"Ein Journalist wird in dem Moment zum Aktivist, wenn er sich in das Tagesgeschehen einmischt."

Die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus sieht er darin, dass ein Journalist zwar ein gesellschaftlicher Akteur sei, aber kein politischer. Er definiert "Aktivist" folgendermaßen: "Für mich ist ein Aktivist jemand, der ein Ziel hat, etwas zu erreichen. Klar, hat der Journalist auch ein Ziel, aber die Grenze ist für mich: Ich würde für keine Petition eintreten oder zu einer Demo aufrufen, es sei denn, es betrifft mich oder meinen Berufsstand direkt."
Solche Themen wären für ihn Überwachung, Pressefreiheit, Redefreiheit: "Da ginge es darum, meinen Job zu verteidigen. Aber ich denke, ein Journalist wird in dem Moment zum Aktivist, wenn er sich in das Tagesgeschehen einmischt."

Soziale Medien: Direkter Austausch mit dem Publikum

Bröckerhoff bloggt unter http://danielbroeckerhoff.de/ über seine Arbeit und seine Sicht auf die Welt und ist auf Twitter (@doktordab) und Facebook aktiv.
Er mag den direkten Austausch mit dem Publikum: "Im Idealfall kann ein Journalist Positionen aufzeigen, sich auch zu einer Position bekennen und dann den Dialog mit dem Publikum suchen." Das ist etwas, das er an sozialen Medien sehr schätzt: Diskussionen nach Sendungen auf Facebook, die Nachfragen der Zuschauer und die Möglichkeit, Dinge zu korrigieren und klar zu stellen. Man habe früher "ins Leere gesendet", heute gebe es ganz andere Möglichkeiten.

Kritische Berichterstattung und der Druck auf Journalisten

Dennoch sieht er in einem eventuellen Shitstorm im Netz auch Gefahren für die Freiheit des Journalismus: "Es könnte dann sein, dass Journalisten ein Thema nicht mehr machen, weil sie diesen Druck befürchten. Man muss sich dann fragen: Setzt man sich dem aus? Und inwiefern ist man für alle erreichbar?"
Gerade Menschen "mit einem starren Mindset", Verschwörungstheoretiker etwa, würden auf eine kritische Berichterstattung zu ihren Themen allergisch reagieren. Er erzählt von einem Kollegen, dessen ARD-Redaktion nach einem Bericht über Evangelikale mit Mails zugeschüttet wurde. "Die haben dann die Vorwürfe gesammelt und eine öffentliche Stellungnahme gegeben. Das ist ein sehr sinnvoller Weg im Umgang mit so etwas", so Bröckerhoff. Auch von ihm wollte eine Person bereits die Adresse herausfinden und "ihm einen Besuch abstatten". Doch bei aller Transparenz: "Im Netz findet man nicht, wo ich wohne."

Das Netz sieht er nicht als Medium, sondern als Verbreitungsweg. Es biete die Möglichkeit, zu interagieren und das Vertrauen der Menschen in den Journalismus zurückzugewinnen.

Als einzelner Journalist sei kritische Berichterstattung aber schwerer, rein rechtlich sei es immer erst einmal besser, eine Redaktion im Rücken zu haben: "Wobei da dann der Unterschied zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medien wichtig ist. Private sind nicht so frei und abhängig, weil sie Werbekunden haben." Er selbst lernte auch die privaten Medien kennen, besuchte von 2007 bis 2009 die RTL Journalistenschule in Köln. Seit 2011 arbeitet er jedoch ausschließlich für öffentlich-rechtliche Sender.

Bröckerhoff experimentiert gerne, mag auch technische Aspekte. Er sagt ganz bewusst, er mache Bewegtbild und nicht Fernsehen. Das Netz sieht er nicht als Medium, sondern als Verbreitungsweg. Es biete die Möglichkeit, zu interagieren und das Vertrauen der Menschen in den Journalismus zurückzugewinnen: "Wichtig ist, zu sagen: 'Ich habe nicht die alleinige Autorität, ich bin einer von euch.' Man muss die Leute ernst nehmen, glaubwürdig sein. Das ist der einzige Weg, das Vertrauen zu bekommen, ansonsten macht man sich überflüssig."