Eine Band als Befreiung

"Ich koche gerade. Magst du auch was?" Paul Pötsch, Gitarrist und Sänger der Band Trümmer, steht in der Tür seiner Wohnung in Hamburg, St. Pauli. Die Band Trümmer, neben Paul Pötsch bestehend aus Tammo Kasper (Bass) und Maximilian Fenski (Schlagzeug) macht deutschsprachigen Rock'n Roll mit Texten, die nach Freiheit schmecken. Aus diesem Grund will ich mit Paul über das Thema sprechen.

alt Die Band Trümmer: Tammo Kasper, Paul Pötsch und Maximilian Fenski(von links). Fotograf: Christoph Voy.

Wir gehen in die Küche, er schnippelt noch Gemüse. Paul ist klein, rothaarig, hat ein markantes Gesicht. Er schreibt die Texte für Trümmer. Sie klingen nicht wie die üblichen melancholischen, selbstironischen oder wütenden Texte, die viel zu oft in deutschsprachiger Musik dieser Art vertreten sind, sondern sie erzeugen eine Aufbruchstimmung: "Ich habe Lust aufs Leben, ich will den Glanz, den Dreck" (Revolte), "Wir setzen die Segel und durchqueren die Wüste und bereiten der Welt ein Fest, eine Bühne" (In all diesen Nächten).
Es ist eine Unzufriedenheit mit der Welt, wie sie jetzt ist, die aus fast allen Liedern herausbricht: "Eine Stadt, eine Leiche. Ein Planet, ein Patient" (Scheinbar), "Ich dachte immer, jung sein heißt dagegen sein" (Straßen voller Schmutz) und "Die Stadt zerfällt in ihre Einzelteile/ Lethargie und Langeweile/ Und du, du sagst kein Wort" (Wo ist die Euphorie).

"Uns selbst auszubilden und einfach zu funktionieren, das kann doch nicht alles sein."

"Eine Band an sich ist ja so ein Freiheitsding", sagt Paul und kippt die Karotten vom Schneidebrett in den Topf. Mit acht Jahren hat er angefangen Gitarre zu spielen, hatte "schon immer Bands", spielte die Musik, die er mochte: Wie etwa The Strokes, The Libertines. Nach dem Abi fing er zwar an zu studieren, aber gelangte zur Erkenntnis: "Uni hat mit Freiheit nicht viel zu tun." Er habe sich dann gefragt, wo man frei sein könne, denn: "Uns selbst auszubilden und einfach zu funktionieren, das kann doch nicht alles sein."

Paul ist ein Träumer, keine Frage. Aber er verliert dabei nicht die Realität aus den Augen und will seine eigene Realität erschaffen. Dass das auch unbequem sein kann, nimmt er in Kauf. Er wirkt trotzig, entschlossen und gleichzeitig zerbrechlich, ist immer noch suchend. Von seiner Musik kann er nun zum ersten Mal leben: "Aber nur für ein paar Monate, weil ich gerade am Theater arbeite."

Begeisterung

Das Essen ist fertig, Paul setzt sich an den Küchentisch. Es ist eine typische unsanierte Altbauwohnung, Dielenboden, die Dusche ist in der Küche, die Heizung gibt seltsame Geräusche von sich, stellt Paul gerade fest. Trotzdem, sie funktioniere, alles gut also. "Kunst gibt einem keine materielle Sicherheit", meint er.
"Aber es ist wahnsinnig toll, selbst über seine Zeit zu verfügen. Freiheit ist ja auch, ein Konzert zu spielen." Seine Augen leuchten.
Ja, Paul kann sich begeistern, es ist eine ungeschminkte, kindliche Begeisterung. Ich frage nach dem Gefühl, das er bei einem Konzert hat. Er denkt kurz nach. "Das ist wie Knutschen", sagt er dann und lacht. Er schaufelt Nudeln in sich rein - "Du willst wirklich nichts?" - und wird ernsthafter: "Das ist ein intensives Bei-sich-sein, es geht darum, sich selbst zu vergessen, sich selbst auch zu überwinden. Man sucht den Rausch." Er kommt richtig ins Schwärmen: "Man ist frei von sich selbst, du musst nicht du sein." Das ist auch einer der Gründe, weshalb ihn die Schauspielerei reizt.

Sich nicht zufrieden geben

"Es gibt einen Sicherheitsfetisch, dieser Sicherheitswahn greift um sich", sagt Paul und zitiert dann Materia mit dem Lied "Kids (2 Finger an den Kopf)": "'Leben die kleinen Träume, verbrennen die großen Pläne'." Doch er will sich nicht damit zufrieden geben: "Als Teenager war ich sehr suchend und wahnsinnig streng mit mir selbst. Und irgendwann wurde ich so milde und lasch. Und dann habe ich gesagt: Ich will da raus. Und eine Band ist da eine Befreiung."

"Es gibt einfach keine Utopie mehr", sagt Paul. Es klingt abgedroschen, aber sein Temperament verleiht den Worten eine neue Würze. "Wir wünschen uns eine andere Gesellschaft, aber wir sind keine Politiker."

Wichtig ist ihm aber auch, dass Trümmer keine Band sei, die mit erhobenem Zeigefinger da stehe, sondern dass die Musik auch auf Selbstbeobachtung basiere, eine Selbstanklage sei. "Es gibt einfach keine Utopie mehr", sagt Paul. Es klingt abgedroschen, aber sein Temperament verleiht den Worten eine neue Würze. "Wir wünschen uns eine andere Gesellschaft, aber wir sind keine Politiker." Deshalb wollen Trümmer auch emotional berühren, nicht intellektuell: "Musik kann Emotionen transportieren, sie ist eher was fürs Herz."

Was ihn antreibt? "Die Angst davor, zu verwischen, einfach weg zu sein. Die Verantwortung für mein eigenes Leben abgegeben haben. Das hier ist ja auch eine Flucht vor Fremdbestimmung."
Morgen starten Trümmer ihre Tour. Sind sie nun, wenn sie mehr in der Öffentlichkeit stehen, nicht auch ein Stück weit fremdbestimmt? "Wir waren noch nie an dem Punkt, an dem etwas passierte, das wir nicht wollten", sagt Paul überzeugt. "Wir sind da sehr streng. Wir haben die Platte fertig aufgenommen zur Plattenfirma geschickt und gesagt: 'Entweder so oder gar nicht'."

"Auf den Konzerten stehen die 14-jährigen Jungs und Mädels genauso wie der Punker, der Hipster und Ehepaare."

Ihre Musik ist auch weich, sanft und gleichzeitig sehr intensiv. Diese markante Mischung scheint anzukommen: "Auf den Konzerten stehen die 14-jährigen Jungs und Mädels genauso wie der Punker, der Hipster und Ehepaare." Er lacht. "Das ist schon sehr divers. Da war auch mal ein Typ, der für die Bundeswehr arbeitete und meinte, die Musik spreche ihm aus der Seele, er habe gar keinen Bock mehr auf den Scheiß bei seiner Arbeit."

Paul ist fertig mit Essen, muss auch bald los. Er will selbst noch auf ein Konzert, war den ganzen Tag am Proben. Er freut sich sehr auf die Tour: "Ich hatte das selbst schon, dass ich als anderer Mensch aus einem Konzert rauskam und dachte: 'Du musst dein Leben ändern'. Ich will, dass die Leute ausrasten auf unseren Konzerten."

Tourstart ist morgen, 30. Oktober 2014, in Berlin im Cassiopeia. Weitere Stationen sind unter anderem Hannover, Darmstadt, Wien und Würzburg.