Wie frei sind wir eigentlich?

Ein zugiger Herbsttag, ein Gebäude im Stile der 60er- oder 70er Jahre auf dem Campus der SRH Hochschule in Heidelberg Wieblingen. Hier wird also an der Freiheit geforscht. Denn hier ist das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung. Ich treffe mich mit dem Geschäftsführer Jörg Schmidt und will herausfinden, wie denn an einem so diffusen Thema wie dem der Freiheit geforscht wird.

Innen sieht das Gebäude sehr viel neuer aus, sehr viel eher nach privater Hochschule. Denn das Mill Institut ist an der SRH Hochschule Heidelberg heimisch. Träger der Hochschule ist die SRH Holding, die nach eigenen Angaben acht Hochschulen in Deutschland unterhält. Neben dem Mill Institut ist die Fakultät für Musiktherapie ansässig, aus einem Raum kommt klassische Musik.

Jörg Schmidt ist groß und schmal, trägt ein kariertes Hemd, eine Brille, hat einen festen Händedruck. "Freiheit ist ein zentraler Wert in unserer Gesellschaft", so Schmidt. "Sie ist aber selbstverständlich, es gibt einen gewissen Gewöhnungseffekt. Da wollen wir ansetzen. Denn über Selbstverständlichkeiten macht man sich keine Gedanken. Wir wollen anregen, sich zu fragen: Was verstehe ich unter Freiheit? Wir wollen eine Debatte auslösen."

"Die Freiheit des einen hört dort auf, wo sie die Freiheit des anderen einschränkt."

Das Mill Institut gibt es seit fünf Jahren, Leiterin ist Ulrike Ackermann, Professorin für Politische Wissenschaften mit dem Schwerpunkt "Freiheitslehre und -forschung" an der SRH Hochschule. Finanziert wird es hauptsächlich durch die SRH Förderstiftung. Unter den übrigen Förderern und Sponsoren finden sich neben anderen auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung und das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation.
Schmidt betont jedoch die Unabhängigkeit des Instituts: "Natürlich haben wir jetzt keinen sozialistischen Freiheitsbegriff, wir begreifen Freiheit in der westlichen Tradition, aber wir versuchen eben doch wissenschaftlich objektiv zu sein." Für ihn gehen Freiheit und Verantwortung Hand in Hand: "Die Freiheit des einen hört dort auf, wo sie die Freiheit des anderen einschränkt."

Ist Freiheit messbar?

Wie es um die Freiheit in Deutschland bestellt ist, diese Frage wird untersucht mit dem Instrument des Freiheitsindex. Bei dieser repräsentativen Befragung der Bevölkerung wird ermittelt, wie hoch der Wert der Freiheit in der deutschen Gesellschaft geschätzt wird. Außerdem wird untersucht, wie deutsche Leitmedien zum Thema Freiheit berichten. Involviert sind dabei auch das Institut für Demoskopie Allensbach und das Institut für Publizistik der Universität Mainz.

Die Befragten sollen sich selbst im Bezug auf ihr subjektives Freiheitsgefühl beispielsweise einordnen. Dazu bekommen sie die Abbildung einer Leiter mit zehn Stufen gezeigt, deren unterste Stufe keine Freiheit bedeutet und die oberste totale Freiheit. Der Durchschnitt des subjektiven Freiheitsgefühls für 2014 lag bei 6,86.

"Die häufig beschworene Mauer in den Köpfen ist kaum mehr vorhanden". Gerade bei der jüngeren Generation unter 30 werde das deutlich und kehre sich eher um.

Schmidt bemüht sich, mir die Forschung zum Thema Freiheit möglichst anschaulich verständlich zu machen, ruft eine Power Point Präsentation zum Freiheitsindex auf. Dort taucht auch eine Schlüsselfrage zum Freiheitsindex Deutschland auf: "Zwei Männer/Frauen (je nach Geschlecht der befragten Person) unterhalten sich über das Leben. Der eine sagt: 'Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer sich heute wirklich anstrengt, der kann es auch zu etwas bringen.' Der andere sagt: 'Tatsächlich ist es so, dass die einen oben sind, und die anderen sind unten und kommen bei den heutigen Verhältnissen auch nicht hoch, so sehr sie sich auch anstrengen.' Was würden Sie persönlich sagen, wer von beiden hat eher Recht, der erste oder der zweite?"
Bei dieser Frage, so Schmidt, könne gut gezeigt werden, dass es eine stärkere Angleichung von Ost- und Westdeutschland gebe. Wohingegen in den vergangenen Jahren die Ostdeutschen eher der letzteren Aussage zustimmten und die Westdeutschen eher der Meinung waren, jeder sei seines Glückes Schmied, näherten sich diese beiden Positionen einander an. "Die häufig beschworene Mauer in den Köpfen ist kaum mehr vorhanden", so Schmidt. Gerade bei der jüngeren Generation unter 30 werde das deutlich und kehre sich eher um.

Den Deutschen ist Freiheit nicht so wichtig wie etwa Sicherheit.

Eine weitere Erkenntnis aus dem Freiheitsindex ist außerdem: Den Deutschen ist Freiheit nicht so wichtig wie etwa Sicherheit. Gerade soziale Sicherheit wird in Deutschland geschätzt. Die Gründe dafür sieht Schmidt auch in der medialen Berichterstattung: "Wenn über terroristische Bedrohungen berichtet wird, dann sehnen sich die Menschen eher nach Sicherheit." Außerdem sei die historische Dimension nicht zu verachten und das starke Vertrauen der Deutschen in die soziale Absicherung.

Der Stellenwert der Freiheit

Untersucht wird auch die Berichterstattung zum Thema Freiheit in den Printmedien Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Welt, der Süddeutschen Zeitung, und dem Spiegel. Bei dieser quantitativen Inhaltsanalyse wird untersucht, wie über Gesellschaftsaufgaben, den Gebrauch des Freheitsbegriffs und über die Gesetzgebung berichtet wird. Außerdem werden die verschiedenen Perspektiven, aus denen über Freiheit berichtet wird, analysiert.
Schmidt zeigt ein Codebuch, nach dem Artikel nach verschiedenen Kriterien abgefragt werden: "Wichtig ist beispielsweise, wer den Artikel schreib: Ist es ein Politiker oder ein Journalist? Dann auch das Thema des Berichts: Innere Sicherheit oder doch eher Außenpolitik?"

"Im Konsum, in der Werbung, da wird viel mit Freiheit gespielt. Und überhaupt, es würden viele erst einmal sagen, dass sie Freiheit gut finden. Aber sie handeln nicht dementsprechend."

Schmidt spricht außerdem Debatten über den sozialen Aufstieg an: "Interessant ist dabei auch: Welche Meinung legt der Artikel dem Leser nahe? Gibt es innerhalb der Gesellschaft die Möglichkeit, sozial aufzusteigen oder nicht?" Stärker noch als innerhalb der Bevölkerung wird in der medialen Berichterstattung demnach die Relevanz von Sicherheit vor Freiheit präferiert. "Wichtig ist auch die Frage: Soll sich der Staat um etwas kümmern oder die Bürger selbst?", so Schmidt. "72 Prozent der Artikel legten dem Leser nahe, dass die jeweilige Thematik Staatsaufgabe ist."

Ich frage nach der Attraktivität von Freiheit. Ist sie für die Deutschen überhaupt attraktiv? Schmidt überlegt kurz, verweist dann auf die Reklame: "Im Konsum, in der Werbung, da wird viel mit Freiheit gespielt. Und überhaupt, es würden viele erst einmal sagen, dass sie Freiheit gut finden. Aber sie handeln nicht dementsprechend. Sie verhalten sich widersprüchlich. Andere Werte überwiegen da." Dennoch, so Schmidt, sei der Begriff in sich positiv: "Er gibt jedem einen Rahmen für eine Vorstellung. Wie die aussieht, das ist dann verschieden."

Seine Vorstellung einer freiheitlichen Gesellschaft? "Wenn nicht alle konform sind. Eher bunt als monoton."

Die Ergebnisse des Freiheitsindexes werden übrigens auf eine Skala zwischen -50 und +50 umgerechnet. 2013 lag er bei -2,7. 2014 verschlechterte sich der Stellenwert der Freiheit in der Gesellschaft auf -7,0. Gleichheit, Gerechtigkeit und Sicherheit sind den Deutschen wichtiger als Freiheit. "Es gibt in Deutschland tatsächlich eine große Verbots- und Sicherheitsneigung", so Schmidt. "Auch wenn das jetzt ein nicht so gutes Beispiel ist, aber nehmen wird die Forderung eines Datums, ab dem Lebkuchen im Regal stehen dürfen. Ein freiheitlicher Ansatz wäre hier: Ich bin frei in meiner Entscheidung, ob ich die Lebkuchen nun kaufe oder nicht, mir ist egal, was die anderen machen."
Mich interessiert seine Vorstellung einer freiheitlichen Gesellschaft. Wie sähe die aus? "Wenn nicht alle konform sind", so Schmidt. "Eher bunt als monoton. Wenn jemand eine schräge Idee hat, dass die Gesellschaft ihm die Möglichkeit bietet, diese zu verwirklichen, solange er die Grenzen anderer und die gesellschaftlichen Grenzen dabei beachtet."